Kritik

Kommentar von Glenn Büter, 11.08.2016

Heute schon Schwein gehabt?

Fleisch ist im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Auch zahlreiche Skandale um große Erzeuger oder Schlachthöfe wie Straathof  konnten den Deutschen die Fleischeslust nicht verderben. Aufrufe an die Politik seitens Tierschutzorganisationen wie PETA für strengere Haltungsvorschriften scheitern regelmäßig, wohl auch wegen der wirtschaftlichen Strahlkraft dieses „Industriezweiges“. Gegner haben es schwer. Und bei einem derart hohen Fleischkonsum und entsprechenden Absatzmöglichkeiten für die Fleischindustrie werden sich  Tönnies und Co. wohl kaum selbst an die eigene Nase fassen. Für uns Konsumenten ist es jetzt Zeit, aufzuwachen und uns entschieden zu wehren gegen eine von Profitgier getriebene Fleischindustrie, die Menschen und Tiere gleichermaßen zu niederen Objekten deklassiert und uns an der Ladentheke eine „deutsche Fleischqualität“ vorgaukelt.
In einer Zeit, in der es als normales Essen gilt, das Hackfleisch aus dem Supermarkt für fragwürdig wenige Euro pro Kilo mit einem aus Tomatengranulat, Glutamat und einer langen Zusatzstoffreihe angereichertem Pulver zu überschütten und es mit Wasser aufgegossen als Bolognese zu bezeichnen, ist es längst überfällig, sich und seine Gewohnheiten einmal selbst zu hinterfragen. Selbstreflexion, ein Umdenken braucht es in unserer Gesellschaft, um der Unwissenheit und Entfremdung gegenüber der Industrie und vor allem dem Tier ein aufgeklärtes Bewusstsein entgegen zu setzen, das sich mit gesundem Menschenverstand fragt, ob der Billigfleischkonsum abgesehen von idealistischen Werbekampagnen angesichts der fragwürdigen Zuchtmethoden wirklich vertretbar ist. Sicherlich braucht es dafür neu definierte Richtlinien der Politik und zweifellos beschreibt dies unmittelbar den Verantwortungsbereich der Industrie selbst.
Doch für den Anfang ist es an uns, dem Verbraucher selbst, durch ein konsequent klares ´Nein´ mit bewussten Käufen bzw. Kaufunterlassungen der Industrie und auch der Politik ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Eine signifikante Reduzierung des eigenen Fleischkonsums wie die erhöhte Nachfrage nach wirklich landwirtschaftlich in Freilandhaltung erzeugten Lebensmitteln und vor allem ein Fokus, der in erster Linie auf der Qualität, statt auf dem Preis liegt, sind hier gefragt. 


Notwendigkeit eines neuen Bewusstseins

Warum es in Deutschland ein solch fundamentales Umdenken überhaupt braucht, wird schon deutlich, wenn man die Güte des im Supermarkt angebotenen Fleisches mal objektiven Qualitätskriterien unterzieht. Nicht nur, dass dieses Fleisch zum Großteil überhaupt nicht gereift ist und Stoffe wie Kollagen noch gar nicht abgebaut wurden, sondern auch der Wasseranteil in industriellen Wurstwaren wie auch in rohem Fleisch ist signifikant höher, als von Tieren, die nicht aus der Intensivmasthaltung stammen. Wo es bei den Wurstwaren noch innerhalb des Herstellungsprozesses beeinflusst werden kann (hier wird eine bestimmte Menge Eis zur Wurstmasse gegeben), liegt der erhöhte Wasseranteil im rohen Fleisch vor allem in der Züchtung begründet. Aus rein wirtschaftlichen Gründen wurden in den letzten Jahrzehnten Schweine und Hühner dahingehend systematisch umgezüchtet, dass sie so gut wie kein Sättigungsgefühl mehr verspüren und so innerhalb kürzester Zeit ein Maximum an Gewicht zunehmen können. Ganze fünf Prozent kann so ein Masthuhn täglich an Masse zunehmen. Eine absurde Zahl, wenn man sich übertragen auf den Menschen vorstellen würde, dass ein 80 Kilogramm schwerer Mann äquivalent dazu täglich vier Kilo zunähme. Der hohe Wasseranteil im Fleisch liegt in diesem Zusammenhang in dem langsameren Muskelwachstum der Tiere begründet. Letzteres ist die Ursache dafür, dass bei rapider Gewichtszunahme in so kurzer Zeit
keine Muskelmasse aufgebaut werden kann, sondern Wassereinlagerungen entstehen, die praktisch ausgedrückt dafür sorgen, dass vom Schweinerücken nach dem Braten in der Pfanne nur noch ein verschwindend geringer Teil übrig bleibt.  
Auch wenn man das wohl am häufigsten diskutierte Anliegen der Gegner der Fleischindustrie, die Tierhaltung, betrachtet, wirkt die Frage, ob ein neues Bewusstsein und Umdenken in unserer Bevölkerung überhaupt notwendig, fast rhetorisch. Zweifellos darf man nicht die gesamte deutsche Landwirtschaft pauschal verurteilen. Doch immer mehr immer größer werdende Industriebetriebe können für das Wohl der Tiere nicht mehr garantieren. Und viele wollen es auch gar nicht. Skandale um Schweinezüchter wie Adrianus Straathof (Frontal 21 berichtete im Juni 2016) haben gezeigt, dass angesichts der mangelnden Versorgung kranker Tiere, massiver Bewegungseinschränkungen der noch Lebenden und der Ausbeutung ausländischer Arbeiter gerade die Behörden in dieser Branche oft versagt haben und versagen. In einem Land, in dem ein Züchter durchschnittlich 26 Masthühner auf einem Quadratmeter halten darf und diese Tiere damit entsprechend dem Tierschutzgesetz ihren „Bedürfnissen entsprechend angemessen (zu) ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unter(zu)bringen“ (§2 Abs. 1 Tierschutzgesetz) glaubt, wirkt dieses Gesetz fast zynisch.  
Auch unter ökologischen Gesichtspunkten wird die Notwendigkeit eines neuen Bewusstseins deutlich. Nicht nur, dass durch die Tierhaltung selbst natürlich Unmengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre gelangen und die Erderwärmung damit zunehmend beschleunigt wird. Auch das für die deutschen Tiere vorgesehene Futter zieht ernsthafte ökologische Konsequenzen nach sich. Das größtenteils aus Südamerika importierte Soja nämlich, ca. 4,5 Mio. Tonnen im Jahr, wird zu ungefähr 90% für die Fütterung in der Tierzucht verwendet. Der Eiweißlieferant verspricht ein schnelleres Muskelwachstum, doch vor allem ist seine Produktion verantwortlich für die bereits Jahrzehnte lang anhaltendende und weiter zunehmende Abholzung des tropischen Regenwaldes.  
Ganz persönlich wird die Frage nach dem Warum des Umdenkens beim Aspekt der eigenen Gesundheit. Denn neben einer eher umstrittenen Einstufung der WHO von Fleisch als potenziell Darmkrebs förderndes Lebensmittel empfiehlt die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gerade einmal 300-600 Gramm Fleisch pro Woche. Mit 1,2 Kilogramm kommt der Durchschnittsdeutsche wöchentlich auf das Doppelte des empfohlenen Höchstwertes.

Besonders problematisch ist aber neben dem eigenen Konsum auch die Keimbelastung in industriell hergestelltem Fleisch. Abgesehen von den oft Chemikalien absondernden Plastikverpackungen werden  immer häufiger antibiotikaresistente Superbakterien darin gefunden. Damit erweist sich die Intensivmasthaltung mit minimalem Platz und den Tieren präventiv verabreichten Antibiotika nicht nur für die Tier-, sondern vor allem auch für die Humanmedizin als hochproblematisch.  
Oft wird außerdem ein sehr wichtiger Aspekt der Problematik bei Debatten um ein Umdenken in der Gesellschaft nicht berücksichtigt: Die Rolle der Menschen selbst in der Fleischindustrie. Denn nicht nur teilweise skandalöse Verhältnisse in der Tierhaltung sind der Grund für die Notwendigkeit dessen, sondern auch die Arbeitsbedingungen für Menschen in der Fleischverarbeitung sind oftmals desaströs. Eigenständige Subsysteme innerhalb der Zerlegungsbetriebe lassen eben diese selbst dabei nicht zuständig erscheinen für fragwürdige Arbeitsbedingungen der im Akkord arbeitenden, meist nicht einmal deutsch sprechenden Arbeiter. Sofern der Mindestlohn bezahlt wird, sind es zumindest die Krankenversicherung und der Versicherungsschutz, den sich die Subunternehmer oft sparen. Vor allem aber sei ein Zerlegungsbetrieb wie Tönnies für dieses Personal und das, was dort vor sich geht, nicht ansatzweise verantwortlich. Missstände oder gar Beschwerden werden durch das Vorarbeitersystem dabei automatisch unterdrückt. Sogar idealistische Werbekampagnen werden in Bulgarien und anderen osteuropäischen Staaten platziert, um gezielt billige Arbeitskräfte für die Fließbandarbeit am Tier zu gewinnen. Mit der Unterstützung eines solchen Systems sind es also nicht nur die Tiere, die die Konsequenzen eines von Profitstreben und Kostendruck getriebenen Systems und die Ignoranz der Verbraucher zu tragen haben.  


Warum der Ansatz vom Verbraucher ausgehen muss

Die Frage, weshalb der Verbraucher die Industrie und die Politik gleichermaßen durch sein Umdenken und Handeln zu grundlegenden Veränderungen anregen muss, ist eigentlich recht einfach zu beantworten. Die Industriebetriebe selbst werden Ihre Methoden wohl kaum überdenken, wenn der Absatz sowohl im Inland als auch im Ausland weiterhin besteht bzw. sogar ansteigt. Berlin ist außerdem mit einer mächtigen Lobby und vor allem der Tatsache konfrontiert, dass die Fleischindustrie einen nicht unwesentlichen Teil zur deutschen Wirtschaft beisteuert. Ohnehin macht die Entwicklung des deutschen Fleischkonsums (bis jetzt) auf die Politik nicht den Eindruck, als müssten Haltungsformen und Tierschutz erneut überprüft, beziehungsweise ein Umdenken in diesem Bereich politisch vertreten werden. Sich für artgerechte Tierhaltung und gutes Fleisch einzusetzen, scheint in Deutschland wohl noch nicht mehrheitsfähig. Und oftmals geht es nun mal leider vornehmlich darum, Themen aufgrund Ihrer Popularität und eben nicht ihrer selbst oder der Brisanz wegen auf die Agenda zu setzen.   Der deutsche Verbraucher könne ja ohnehin nichts ändern an dieser Situation und dem gesamten System, könnte man nun aufgrund der Schläfrigkeit der Politik und den hohen Absatzraten der Fleischindustrie gerade im Ausland resignierend einwenden.
Aber das ist zu kurz gedacht. Tatsächlich werden 55% der deutschen Fleischerzeugnisse nicht exportiert, sondern in hiesigen Groß- und Supermärkten vertrieben. Deutsches Fleisch ist aufgrund seiner extrem niedrigen Preise international sehr gefragt. Gerade China bekundet seit einiger Zeit vermehrtes Interesse an deutschen Fleischerzeugnissen. Doch offensichtlich wird der Großteil der Produktion nach wie vor für den Eigenbedarf verwendet. Angesichts dieser Tatsache verliert die Sorge um den nicht handlungsfähigen Verbraucher mit sofortiger Wirkung ihre Berechtigung.  
Darüber hinaus sollten wir dieses Potenzial nicht nur zum unbedingten Anlass nehmen, ein neues Bewusstsein für das Halten und Töten von Tieren und unseren eigenen Konsum zu schaffen sowie unsere Gewohnheiten zu hinterfragen. Es sollte uns ebenso dazu ermutigen, unseren Mund aufzumachen, von unserem Recht auf Meinungsfreiheit regen Gebrauch zu machen und vor allem nicht nur uns selbst, sondern auch all jene Informationsquellen zu hinterfragen, die von sich glauben, den Tonus in Sachen Fleischkompetenz und Tierhaltung angeben zu können. Damit einher geht nicht nur eine Anspielung auf die deutsche Industrie selbst, sondern schließt dies ebenso alle Berichte und medialen „Qualitätschecks“, ob mit oder ohne Spitzenkoch, ein. Eine derart oberflächliche und wenig differenzierte Berichterstattung, die den Mythos, wir könnten stolz auf „unser Fleisch“ sein, weiter prägt und leider nur sehr wenig zur tatsächlichen Aufklärung des Verbrauchers beiträgt, ist letztendlich auch für die mangelnde Übersicht und den Irrglauben der Konsumenten mitverantwortlich, man könne doch ruhigen Gewissens Industriefleisch in Form des Hacks aus dem Supermarkt, der Currywurst vom Schnellimbiss oder dem günstigen Schweinefilet vom Gasthof zu sich nehmen - frei nach dem Motto: „Hauptsache es schmeckt!“. Eine idealistische Leichtigkeit, die es zu vertreten allerdings schwerfällt in Anbetracht der vorangegangenen Anführungen.
 


Nudeln waren auch vor hundert Jahren schon vegetarisch

Wenn es darum geht, seinen eigenen Fleischkonsum zu reduzieren, vom Vegetarismus oder Veganismus mal ganz abgesehen, kommt häufig die Frage nach Alternativen auf. Solche gibt es in ebenso vielen Variationen wie die Fleischwaren selbst, häufig sogar von der Fleischindustrie selbst produziert. Wer bei Soja-Entenbrust und Tofu-Wurst seinen Appetit verliert, wird das volle Verständnis aller Fleischfans ernten. Doch zum Teil auch das der Vegetarier. Denn angesichts des gigantisch großen und reichhaltigen Warenkorbes, der uns in Deutschland an Milchprodukten, Obst, Gemüse, Gewürzen etc. zur Verfügung steht und angesichts der zahlreichen Möglichkeiten, Rezepte nachzukochen, selbst zu kreieren oder einfach nur mit der gegebenen Vielfalt seine eigenen bekannten Gerichte zuzubereiten – angesichts dessen ist der Glaube mehr als absurd, bei Fleisch- Reduzierung oder Verzicht zu künstlichen und von Grund auf geschmacksfreien Ersatzprodukten greifen zu müssen. Die Möglichkeiten, ohne Fleisch zu kochen bzw. zu essen, sind ebenso breit gefächert wie diejenigen, diesem in seiner Ernährung einen festen Platz zuzuschreiben.

Aber nicht nur zweifelhafte Ersatzprodukte erzeugen Ängste und Fehlinformationen vor bzw. über fleischreduzierte Ernährung. Der Grund für die Tatsache, dass vegetarisches Essen oftmals negativ besetzt ist und als „Grünzeug“ und „Kaninchenfutter“ abgetan wird, liegt darüber hinaus neben dem eigenen Willen auch in der Deklaration dieser. Ein Beispiel: Eine Schulmensa bietet einerseits Frischkäseravioli mit Rucola-Pesto und andererseits Hackbraten mit Salzkartoffeln an. Allein die Tatsache, dass die Ravioli als „veggi“ ausgeschrieben werden, sorgt, obwohl dies eigentlich nur der Information für Vegetarier dienen soll, dafür, dass das Gericht, das in italienischen Restaurants auf der Empfehlungskarte die Pasta des Tages ist, kurzerhand zum „niederen“ Menü degradiert wird. Dies passiert unwillkürlich, in den Köpfen der Schüler, in den Köpfen der eingeschworenen Fleischesser, aber es passiert eben​.​
Solche Deklarationen sind nicht nur redundant, sie führen eben auch zu erhöhtem Fleischkonsum, bzw. dazu, dass die Skepsis vor der schon lange etablierten, nun scheinbar plötzlich vegetarisch gewordenen Kost wächst. Nudeln waren auch vor hundert Jahren schon vegetarisch. Daran ändert auch ein neu erscheinendes, offenbar Ablehnung in den Köpfen hervorrufendes Wort nichts.


Ist gutes Fleisch undemokratisch?

Doch wo bekommt man denn nun gutes Fleisch, das man guten Gewissens genießen kann? Die Bio-Landwirte, die jedoch mit einem sehr geringen Marktanteil von zwei Prozent im deutschen Fleischgeschäft vertreten sind, liefern Fleisch aus zumindest besserer Haltung. Schärfere Auflagen, mehr Auslauf für die Tiere und anderes Futter. Auch mancher Metzger, der noch selber schlachtet hat sich dem guten Fleisch verschrieben. Doch auch hier ist in beiden Fällen immer noch ein waches Auge gefragt. Denn nur weil es der Nachbar ist, der die Schweine züchtet und es der „Metzger unseres Vertrauens“ ist, der den Schinken besorgt, stellt das noch lange keine Garantie für gute Haltung, Fütterung oder gar Qualität dar. Auch hier sind wir dazu aufgerufen, nachzuhaken, nicht der Autoritätsgläubigkeit zu verfallen, sondern ebenso die Herkunft, Haltungsbedingungen etc. konsequent zu hinterfragen.  
Auch Wolfgang Otto hat sich mit seinen beiden Brüdern Michael und Stephan Otto diesem Anliegen verschrieben. Seit nun mehr zehn Jahren beliefern sie Gastronomen und Privatkunden quer durch die Republik mit gutem, gereiftem und vor allem langsam und artgerecht aufgewachsenem Fleisch. Was hier neben der Qualität, der artgerechten Haltung und Fütterung sowie der Transparenz für die Kunden ebenso wichtig zu erwähnen ist, ist der Rückbezug zum Tier selbst. Denn erst durch das Bewusstsein, dass ein Tier für einen Menschen persönlich aufgezogen und ihm dann das Leben genommen wurde, allein um es zu essen – nur durch dieses Bewusstsein können wir wieder lernen, verantwortungsvoll mit den Tieren, unserer Umwelt und letztendlich auch mit uns selbst umzugehen. Der maßlosen Entfremdung vom Ursprung des Fleisches, die Kinder glauben lässt, dass das Schwein auf der Wiese nichts zu tun habe mit dem Schnitzel auf dem Teller und dass  Fischstäbchen und Backfisch wirklich im Meer geschwommen hätten, wird damit endgültig beigelegt.   Dass solches Fleisch nicht nur qualitativ, sondern auch preislich außerhalb jeden Durchschnitts liegt, tut dem Erfolg der drei Brüder dabei keinen Abgrund. Die Kunden wüssten eben, wofür sie so viel Geld ausgeben – für das gute Gewissen lässt sich der ein oder andere Genießer das Steak vom deutschen Angusrind dann schon mal an die 50€ kosten. Natürlich sind auch hier je nach Teilstück günstigere Alternativen wie das Hackfleisch vom gleichnamigen Rind für 16€ pro Kilo erhältlich. Doch drängt sich die Frage auf: Fünfzig Euro für ein Steak, wer kann sich das schon leisten? Ist gutes Fleisch also undemokratisch? Soll das Gros der Konsumenten also doch wieder wie gewohnt im Supermarkt ihr Fleisch kaufen?

Nun, zunächst einmal ist festzuhalten, dass der massive Überkonsum, vom finanziellen Aspekt also mal abgesehen, sprich ob mit teurem oder billigem Fleisch, aus eingangs aufgeführten Gründen ohnehin nicht tragbar ist. Wer glaubt, seine Familie nur mit täglichem Fleischkonsum über Wasser halten zu können, lebt angesichts der im vorangegangenen Absatz angesprochenen Produktvielfalt zweifelsfrei in einem bemitleidenswerten Irrglauben. Mit anderen Worten: Wer weniger Fleisch isst, tut sich gesundheitlich nicht nur selbst einen Gefallen, sondern kann sich gleichzeitig auch das teurere Fleisch leisten. Zugegeben, eine sehr oberflächlich scheinende Rechnung, die gewiss nicht für alle Konsumenten aufgehen wird. Gesundheitlich benötigt, das haben Studien allerdings auch entgegen der Stammtischmeinung wieder und wieder belegt, wird Fleisch nur in sehr geringen Mengen. Die größten Kosten, so könnte man spitzfindig behaupten, werden also mentaler Art sein. Denn der bequeme Weg war der aufgeklärte, kritische und sich selbst reflektierende noch nie. Sein Budget etwas genauer planen zu müssen, vielleicht aufgrund der hohen Preise nur einmal in der Woche Fleisch zu essen, das könnten viele nicht, so glauben sie, vielleicht wollen sie es auch einfach nur nicht.
Ja, vielleicht ist gutes Fleisch in Hülle und Fülle undemokratisch, weil es sich längst nicht jeder leisten kann. Aber mal abgesehen von der mangelnden Notwendigkeit übermäßigen Fleischkonsums steht eines jedenfalls fest: Der Gewinn aus einem solchen Umdenken spricht sowohl in tierischer als auch in menschlicher Hinsicht bereits nach wenigen tiefer gehenden Überlegungen für sich. 

Wie das Bewusstsein langfristig Bestand haben kann

Mit der Einstellung verhält es sich oft wie beim Training oder Abnehmen: Nach einem vielversprechenden Start verblasst die klare Haltung nach einer Weile und wir fallen wieder in alte Gewohnheiten zurück. Was kann man also unternehmen, um dieses Bewusstsein langfristig beizubehalten und zu leben? Nun, abgesehen davon, dass das Training oder das Abnehmen immer wieder neue Motivation erfordert, verhält es sich beim Fleisch doch etwas anders. Denn wer einmal wirklich die Dimension dieses Themas durchblickt und verinnerlicht hat, für welche Konsequenzen er mit dem „falschen“ Fleischkonsum verantwortlich ist und dass es dabei ja nicht nur um das Fleisch selbst geht, wird diese Lebenshaltung allein schon deswegen nicht vergessen, weil er sie vor seinen Freunden oder Kollegen erst einmal rechtfertigen muss. Auch selbst aufgebauter gesellschaftlicher Druck und die Verinnerlichung einer Vorbildfunktion helfen also bei der dauerhaften Fixierung der eigenen Überzeugung.   ´
Doch erst im Erwachsenenalter mit gutem Fleisch und der Aufklärung über diese Thematik selbstständig zu beginnen, wäre zweifellos zu spät. Fleischkompetenz und alles, was damit zu tun hat, ist ein ebenso relevantes Thema frühkindlicher Bildung. Der Ansatz könnte in einem neuen Unterrichtsfach verwirklicht werden, in dem Schüler mit den weitreichenden Konsequenzen ihrer Ernährung für sich und die Welt vertraut gemacht und vor allem zu mehr Selbstreflexion angeregt werden. Auch könnte man diese Fragen im Rahmen anderer Fächer wie Politik und Religion (Ethik) zu festen Bestandteilen des Unterrichts machen. Die Schulen wollen auf das Leben vorbereiten, doch die Mehrheit hat in Bezug auf ihren kulinarischen Bildungsauftrag kläglich versagt. Schulmensen müssen ihre Menüpläne an Fleischmenge und Qualität anpassen und neben „vegetarischen Alternativen“ solche auch als festen Bestandteil eines Tagesmenüs anbieten. Schon im Kindergarten und spätestens im Grundschulalter müssen die Kinder begreifen, dass die Frikadelle eben nicht auf dem Feld wächst, sondern, dass dafür ein Tier gezüchtet und getötet wurde. Nur so können die Kinder lernen, für ihr eigenes Handeln in jeglicher Hinsicht Verantwortung zu übernehmen. Deswegen ist es auch keineswegs abwegig, sein Kind im Kindergarten oder der Grundschule überwiegend vegetarisch bzw. sehr fleischarm zu ernähren, nur weil der überwiegende Teil der Eltern dennoch weiter fleißig Nackensteak und Kinderwurst auf die Teller verteilt und es deswegen von der Norm abweicht. „Nur weil eine Millionen Menschen eine Dummheit behaupten, wird sie deshalb nicht zur Wahrheit“ folgert Rolf Dobelli in „Die Kunst des klaren Denkens“ pointiert – und das absolut zu Recht.  
Darüber hinaus ist auch die Rolle der Gastronomen und Köche eine unterschätzte, aber dennoch sehr wichtige. Gerade sie können das Vertrauen ihrer Gäste nutzen, um sie an gutes Fleisch oder vegetarische Gerichte heranzuführen, ohne den gleichen Deklarationsfehler wie die Industrie, Mensen oder andere Restaurants zu machen. In Wien existiert mit dem „Tian“ sogar bereits ein Sternerestaurant, das ausschließlich vegetarische Küche auf höchstem Niveau zelebriert. Neben der Tatsache, dass viele der deutschen Spitzenrestaurants neben dem eigentlichen auch ein vegetarisches Menü anbieten, zeigt das Tian eindrucksvoll, dass die vegetarische Küche eben auch kulinarisch ein großes Potenzial besitzt.

Die Rolle der Politik

Der Ansatz muss zwangsläufig vom Verbraucher ausgehen. Das wurde bereits diskutiert. Doch nach diesem Schritt ist zweifelsohne die Politik gefragt, sowohl Berlin, als auch Brüssel. Denn bislang sind die Inhalte der Maßgaben der Politik beinahe deckungsgleich mit dem Antrieb der Industrie: Einseitige Orientierung an einer bei detaillierter Betrachtung fast schon grotesk scheinenden Wettbewerbslogik. Jahrelang ging und geht die Subventionspolitik der deutschen Regierung vor allem zugunsten immer größer werdender Landwirtschaftsbetriebe. Dass dies nicht nur kleine Betriebe aufgrund des Kostendrucks zwangsläufig in die Insolvenz treibt, sondern damit auch das ursprüngliche Handwerk verloren geht, scheint dabei keine Rolle zu spielen.  Dies sei eben die „natürliche“ Entwicklung des freien Marktes unter dem Druck globalen Wettbewerbs, könnte man aus ökonomischer Sicht argumentieren. Doch das klingt vor dem Hintergrund der eingangs erläuterten Komplexität der Problematik einerseits und dem dabei ebenso geschilderten Kern der eigentlichen Debatte recht gleichgültig, ja fast zynisch.  
Kritisch hinterfragen allerdings sollte man schon, ob eine Auflagenverschärfung zu Gunsten von Tier und Mensch zum einen durchsetzbar und zum anderen auch wirtschaftlich tragbar ist. Denn die wirtschaftliche Bedeutung ist auch ob aller Desaster in dieser Branche nicht zu leugnen. Einen Weg, der allein gegen die Fleischindustrie, also an ihr vorbei führt, wird es für den Verbraucher und erst recht für die Politik nicht geben. Gerade letztere ist hier ganz besonders gefragt. Denn das System Fleischwirtschaft in jeglicher Hinsicht so grundlegend ändernde Auflagen, sei es hinsichtlich der Haltungsverhältnisse, des Futters, des Freilaufanteils oder der Bezahlung der Arbeiter in den Zerlegungsbetrieben, können nicht ohne staatlich unterstützende Maßnahmen etabliert werden. Ein Strukturwandel, so radikal er auch sein mag, kann und darf nicht nur zu Lasten der industriellen Betriebe selbst gehen. Die staatlichen Fehlanreize, die kurzsichtig gegeben wurden, müssen nun an anderer Stelle wieder ausgebügelt werden – von Wirtschaft und Staat gleichermaßen.
Das klingt nach Zukunftsmusik, vielleicht wie eine idealistische Vision. Doch warum sollte Deutschland nicht auch in puncto Fleisch jener international anerkannter, für Qualität stehender Vorreiter werden können, wie er es z.B. schon längst im Bereich der Automobilbranche ist? Gutes Fleisch ist längst kein rein grünes Thema mehr. Es ist Thema aller demokratischen Parteien. Es betrifft faire Löhne, stellt einen enormen Wirtschaftsfaktor dar und auch ökologisch ist die Art und Weise der Fleischproduktion wohl kaum von viel geringerer Brisanz und Relevanz als die Energiewende.
 
Das Thema Fleisch ist, sei es in Bezug auf ein neues gesellschaftliches Bewusstsein oder die Rolle, die Politik und Industrie selbst dabei spielen, ein sehr komplexes. Es ist eine Debatte, deren Ziel und Dimension in Zeiten von viel Stress und immer größer werdender Beliebtheit einfacher politischer Wahrheiten sicherlich schwer zu etablieren sein wird. Letztendlich könnte gleichwohl die Tatsache, dass diese so abstrakt und sachlich diskutierte Problematik doch nicht nur über die Entwicklung eines Sachverhalts, sondern vor allem über das Schicksal von zahllosen Tieren und Menschen entscheidet, Träger dieser werden. In diesem Sinne sollten wir uns doch wohl so langsam an die eigene Nase fassen und unsere nächste Bratwurst gewissenhaft und mit erweitertem Horizont überdenken. „Den Scheiß ess´ ich nicht mehr“ antwortete ein Lehrer mir damals nach einem schulischen Vortrag über Auswirkungen der Fleischproduktion auf den eigenen ökologischen Fußabdruck auf die im Kontext ironisch klingende Frage, ob er in der Mensa gleich auch die Lasagne essen würde. Dies ist kein Aufruf zum absoluten Fleischverzicht. 
Wohl aber möchten wir nächstes Mal vielleicht guten Gewissens antworten können auf die Frage:
Heute schon Schwein gehabt?​